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ARIVA.DE-Sommerworkshop 2017: Von Robo-Beratern, Finanzprodukten auf Knopfdruck und intelligenten Lösungen zur Regulatorik

Es tut sich etwas in der Finanzwelt: Während der Gesetzgeber in der Post-Lehman-Ära die Anbieter von Finanzprodukten weiter mit neuen Verordnungen zu mehr Transparenz bewegen will, sorgen parallel neue Technologien und ein verändertes Nutzerverhalten für ein Wandel bei den Angeboten. So stand der diesjährige Sommerworkshop von ARIVA.DE daher ganz im Zeichen von Regulatorik und Digitalisierung. Rund 70 Gäste diskutierten in Kiel über intelligente Lösungen für eine Finanzwelt von morgen.

 

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Auf die Frage, wie die Finanzwelt von morgen wohl aussehen werde, zeigte Professor Stefan Mittnik von der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Karikatur. Darauf zu sehen: Ein mittelgroßer Fisch, der mit ängstlichem Blick einen riesigen Schwarm kleiner Fische auf sich zukommen sieht. Der ängstliche Fisch symbolisiert die klassischen Banken, sie zittern vor den vielen kleinen und flexiblen FinTech-Unternehmen, die ihnen das Geschäft streitig machen. Doch das ist nur der erste Teil der Botschaft. Denn dem Schwarm der FinTechs schwimmt mit geöffnetem Maul bereits ein riesiger Raubfisch hinterher. Am Ende könnte die Finanzwelt von morgen von einem Internetgiganten wie Google, Amazon oder Apple beherrscht werden. „Ich denke, es könnte so kommen“, sagte der Professor.

 

Stefan Mittnik war einer der Gastredner auf dem diesjährigen Sommerworkshop, zu dem ARIVA.DE in die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften am renommierten Institut für Weltwirtschaft in Kiel geladen hatte. Digitalisierung und Regulierung standen als Leitthemen auf der Tagesordnung, und ARIVA.DE Vorstand Frank Gräsner machte bei seiner Begrüßung gleich deutlich, dass beide Aspekte etwas Wesentliches gemeinsam haben. Sowohl die zahlreichen Regulierungsmaßnahmen des Gesetzgebers als auch die technischen Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben, zwingen die Anbieter im Finanzsektor derzeit zu tiefgreifenden Veränderungen ihrer Prozesse.

 

In Deutschland beziehe schon jeder Vierte Finanzdienstleistungen nicht mehr von einer Bank, sagte Professor Mittnik, weltweit sei es sogar fast jeder Zweite. Während Banken jahrzehntelang die zentrale Anlaufstelle für Zahlungsverkehr, Devisengeschäfte, Kredite und Geldanlagen gewesen seien, ändere sich das Bild durch die in vielen Bereichen aufkommenden FinTechs massiv. So auch bei der Vermögensbildung: Unter dem Begriff Robo-Advisor sind zahlreiche Firmen entstanden, die eine automatisierte Form der Geldanlage anbieten.

 

Bei dieser digitalen Vermögensverwaltung werden Anlageentscheidungen automatisiert und regelgebunden getroffen. Anleger können schon bei einer geringen Anlagesumme dabei sein. Und weil in passive Indexfonds (ETFs) investiert wird und viele der Anbieter keine zusätzlichen Performancegebühren erheben, sind die Kosten meist geringer als bei der herkömmlichen Anlageberatung in einer Bank, die vor allem am Verkauf hauseigener Produkte interessiert ist.

 

Die Anlagestrategien der Robo-Advisor sind dabei nicht selten wissenschaftlich untermauert. „Fast jeder Anbieter hat heute einen Professor dabei“, sagte Mittnik mit einem Augenzwinkern. Er selbst ist Mitbegründer von Scalable Capital, einem der am schnellsten wachsenden FinTech-Unternehmen in Europa. Nur 16 Monate nach dem Marktstart verwaltet Scalable Capital heute bereits ein Vermögen von mehr als 250 Millionen Euro. Das Erfolgsrezept: Technologie statt Emotionen.

 

Auf dem Workshop in Kiel erklärte der Professor, wie durch den wissenschaftlichen Umgang mit Verlustrisiken und einer datenbasierten Wertpapierauswahl das Risiko in einem Portfolio über die Zeit konstant gehalten werden kann. Ein Vorteil, den auch Fachleute schätzten: 20 Prozent der Scalable-Kunden stammen seinen Angaben zufolge aus dem Bankbereich. Dass große Player die Innovationen der kleinen FinTechs beobachten, weiß man beim Münchener Unternehmen nur zu genau: Gerade erst hat Scalable Capital frisches Kapital in Höhe von 30 Millionen Euro einsammeln können. Die Liste der neuen Investoren wird dabei vom weltweit größten Vermögensverwalter BlackRock angeführt, der künftig einen „signifikanten Minderheitenanteil“ an Scalable Capital hält, wie Mittnik sagte.

 

Intraday-Listing ermöglicht Zertifikate auf Knopfdruck

 

Dass auch auf dem Zertifikatemarkt Anbieter längst neue Wege gehen, zeigte Kristijan Tomic von Vontobel. In einer Live-Vorführung demonstrierte er, wie Privatanleger sich ein Anlagezertifikat nach eigenen Vorstellungen maßschneidern können, das dann binnen weniger Minuten tatsächlich an der Börse handelbar ist. In der Schweiz hat Vontobel bereits vor rund zehn Jahren unter dem Namen „deritrade“ eine Multi-Emittenten-Plattform eingeführt, die Produkte auf Knopfdruck ermöglicht. Eine Adaption gibt es seit dem vergangenen Jahr unter dem Titel „mein-zertifikat.de“ auch in Deutschland. Sie ist auch über www.ariva.de nutzbar.

 

Ermöglicht werde das Emittieren von Zertifikaten innerhalb von Minuten durch das sogenannte Intraday-Listing, erläuterte Tomic. Die Emittenten könnten bei der für die Vergabe der Wertpapierkennnummern zuständigen Stelle am Vortag Nummern reservieren und auf diese Weise Produkthüllen eröffnen. Diese Hüllen würden dann unmittelbar bei der Zertifikate-Erstellung mit konkreten Daten gefüllt. Tomic sieht in dem neuen Angebot einen wichtigen Schritt in Richtung Nachfragemarkt für individuelle Anlageprodukte. Die Preistransparenz und Vergleichbarkeit der Angebote sei ein großer Vorteil der neuen Plattform, deren Auswahlmatrix außerdem dem tatsächlichen Suchverhalten von privaten Anlegern stark entgegen käme.

 

Die privaten Nutzer stehen auch bei einer neuen Kooperation von ARIVA.DE mit der Fondsbank FFB und der Netfonds Gruppe im Mittelpunkt. Martin Steinmeyer (Netfonds), Michael Müller (FFB) und Robert Bölke (ARIVA.DE) präsentierten das neue Projekt. Sie stellten in Aussicht, dass es künftig möglich sein werde, innerhalb von fünf Minuten online über ARIVA.DE ein Fondsdepots zu eröffnen und selbstständig zu handeln. Auch soll die Verwaltung von Fondsanlagen, die bei verschiedenen Banken gemacht wurden, über nur ein zentrales Depot möglich werden.

 

Bereits berechnet und angezeigt wird unter www.ariva.de/aktien/maerkte/ der Kieler Aktienmarkt-Indikator (KAI). Dieses innovative Börsenbarometer ist ein Maß dafür, wie teuer die Aktien eines Landes im weltweiten Vergleich sind. Es basiert auf einem wissenschaftlichen Konzept realer effektiver Finanzmarkt-Wechselkurse, das Prof. Stefan Reitz von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel den Gästen des Workshops in einem unterhaltsamen Vortrag näher brachte. Der KAI ist ein weiteres Beispiel, wie die Umsetzung neuer Ideen zu einem Mehrwert für Anleger führen kann.

 

PRIIPs: Viele offene Fragen müssen in der Praxis geklärt werden

 

Getrieben werden die aktuellen Veränderungen auf dem Finanzmarkt aber nicht nur durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und den technischen Fortschritt, sondern in großem Maße auch durch Regulierung. Deshalb war ein großer Part beim Sommerworkshop genau diesem Thema gewidmet. Seit der Finanzkrise greifen Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber verstärkt in den Markt ein, um Anlegerschutz und Transparenz zu erhöhen. Aktuell zwingen sowohl die europäische PRIIP-Verordnung als auch die unter dem Kürzel MiFID II bekannt gewordene Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente die Anbieter von Finanzprodukten zu einer Anpassung ihrer Prozesse.

 

Die PRIIP-Verordnung definiert einen Standard für die Produktinformationen für Verbraucher. Ein halbes Jahr vor Inkrafttreten seien aber noch immer zahlreiche Fragen ungelöst, sagte Martin Scharnke, Partner der Kanzlei Allen & Overy LLP. Unter anderem herrsche noch immer Unsicherheit, welche Produkte von der Verordnung erfasst werden und welche nicht. Unklar sei beispielsweise auch, ob bei einem bloßen Listing auf dem Sekundärmarkt eine Pflicht zur Erstellung eines Key Information Documents bestehe. Arno Wilhelm vom Finanzdienstleister SIX pflichtete Scharnke bei. Auch er wies darauf hin, dass es keine 200 Tage mehr sind, bis die PRIIP-Verordnung und MiFID II in Kraft treten. Bis dahin müssten Produzenten und Vertriebsstellen ihre Prozesse angepasst haben.

 

Vor welchen technischen Anforderungen Banken in der Praxis durch die Regulierung stehen, erklärte Marco Rast von UBS sehr anschaulich. Die UBS hat in ihrem Portfolio seinen Angaben zufolge mehr als 20 unterschiedliche Produkttypen mit mehr als 480 Permutationen. Es gäbe nicht nur zahlreiche unterschiedliche Wege, wie Produkte entstehen können. Die Produkte würden außerdem in zehn verschiedenen Sprachen vertrieben. So habe die Bank vor der Aufgabe gestanden, einen Prozess zu finden, der zu all diesen Strukturen kompatibel ist. Mit ARIVA.DE habe die UBS bei der Umsetzung der PRIIP-Verordnung einen Provider gefunden, der sehr agil und professionell auf die Herausforderungen reagiert habe, sagte Rast.

 

MiFID II nimmt auch Vertriebsstellen in die Pflicht

 

Während durch die PRIIP-Verordnung bestimmte „Beipackzettel“ für Finanzprodukte verbindlich werden, zieht die europäische Finanzmarktaufsicht mit MiFID II Leitplanken in den Handel mit Wertpapieren ein. Um Anleger davor zu schützen, dass sie Produkte verkauft bekommen, die für ihre Bedürfnisse gar nicht geeignet sind, müssen Hersteller von Finanzinstrumenten künftig bestimmte Produktgenehmigungsverfahren vorhalten. Besonders in die Pflicht genommen werden auch die Vertriebsstellen: Von ihnen wird erwartet, dass sie für jedes Produkt den vom Hersteller skizzierten Zielmarkt kritisch prüfen, für die Praxis erweitern und für den eigenen Kundenstamm konkretisieren, wem das Produkt angeboten werden darf. Für diese Mammutaufgabe, die als Product Governance bezeichnet wird, hat ARIVA.DE als einer der ersten Anbieter in Deutschland eine intelligente Lösung entwickelt.

 

„Wir wollen den Vertriebsstellen die Arbeit so einfach wie möglich machen“, sagte Paul Mallach, Leiter Forschung und Entwicklung bei ARIVA.DE. Die neue Anwendung, deren Prototypen er dem Plenum live vorführte, ist webbasiert, nach Wünschen des Kunden konfigurierbar und mandantenfähig. Sie ist Teil der ARIVA Regulatory Services (ARS), einer zentralen Plattform für vielfältige Dienstleistungen im Bereich der Finanzregulatorik.

 

Am Ende des langen Vortragsreigens dürfte allen Teilnehmern des Workshops klar geworden sein, dass sich Anbieter den neuen Entwicklungen kaum verschließen können. Mit den Lösungsansätzen aus Wissenschaft und Praxis aber werden sie fit für die Finanzwelt von morgen.

 

 

 

Die Referenten des Sommerworkshops 2017 (v.l.): Paul Mallach, Robert Bölke (beide ARIVA.DE), Prof. Stefan Mittnik (Ludwig-Maximilians-Universität München), Martin Scharnke (Allen & Overy LLP), Carsten Gern, Frank Gräsner (beide ARIVA.DE), Arno Wilhelm (SIX Financial Information), Matthias Vogelsang-Weber (ARIVA.DE), Marco Rast (UBS), Prof. Stefan Reitz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) und Kristijan Tomic (Vontobel). Foto: VICO Kiel

 

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