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Finanzmarkt-Regulierung: „Mehr gesunder Menschenverstand, bitte!“

Hat sich der Anlegerschutz durch die Gesetzesverschärfungen auf dem Finanzmarkt in der Praxis verbessert? Wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten und welchen Wunsch haben Finanzinstitute hinsichtlich der Regulierung an den Gesetzgeber? Antworten auf diese Fragen gaben Branchenvertreter auf einer Podiumsdiskussion beim Sommerworkshop von ARIVA.DE in Kiel. Darüber hinaus standen Themenreferate über innovative Anlageformen auf dem Programm.

 

Was lange währt, wird endlich gut, sagt der Volksmund. Also müsste die EU mit ihrer überarbeiteten „Richtlinie über Märkte für Finanzprodukte“ eigentlich einen Volltreffer gelandet haben. Mehr als sieben Jahre hat die Novellierung des Regelwerkes gedauert, mit der die EU private Anleger besser schützen, die Kostentransparenz von Produkten erhöhen und Marktmanipulationen verhindern will. Die neue Richtlinie – bekannt unter dem Kürzel MiFID II – ist die Antwort des Gesetzgebers auf Auswüchse in der Branche, die mit der Finanzkrise ab 2008 zu Tage tragen. Drei Jahre hatten die Banken Zeit, ihre IT-Systeme anzupassen, Personal zu schulen und sich auf MiFID II einzustellen. Seit einem halben Jahr sind die neuen Regeln anzuwenden. Ist jetzt alles gut? „Nach dem Sturm – was von MiFID II übrig blieb“ lautete das Thema einer Podiumsdiskussion, zu der ARIVA.DE Branchenvertreter ins Maritim Hotel nach Kiel geladen hatte.

 

Moderiert wurde der Schlagabtausch der Branchenvertreter von Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbandes DDV. Und der machte gleich zu Beginn klar, dass aus seiner Sicht mit MiFID II vieles komplizierter geworden ist statt einfacher. „Verstehen die Kunden den Aufwand, den Sie betreiben müssen? Bekommen sie das überhaupt mit?“, wollte Brandau von den Diskussionsteilnehmern wissen.

 

Kunden würden nicht anders als vor 20 Jahren beraten

 

Nein, nicht unbedingt, meint Marco Fröse, Bereichsleiter für das Privatkundengeschäft und Vertriebsleiter bei der Eckernförder Bank eG Volksbank-Raiffeisenbank. Bei der telefonischen Beratung vielleicht noch am ehesten, weil die Gespräche nunmehr alle aufgezeichnet werden müssen und Banken dafür das Einverständnis des Kunden brauchen. „Insgesamt beraten wir heute aber nicht anders als vor 20 Jahren“, sagte Fröse. „Wir dokumentieren alles nur sehr viel stärker.“ Dem Kunden sei es am Ende vergleichsweise egal, wie viele Papiere er anschließend mit nach Hause bekommt.

 

Stefan Lipfert, Vertriebsleiter Nord bei BlackRock Investment Management, berichtete, dass ein Finanzberater für ein sauber dokumentiertes Gespräch mit einem Endkunden heute durchschnittlich einen Arbeitsaufwand von viereinhalb Stunden einkalkulieren muss. Mehr als zwei Gespräche am Tag könne ein Berater dadurch im Schnitt nicht mehr schaffen.

 

Diese Entwicklung kritisierte auch Kristijan Tomic von der Bank Vontobel. De facto gehe ein Teil der Zielgruppe verloren, sagte er, weil es sich für Banken durch den großen Aufwand nicht mehr lohne, eine Anlageberatung bereits für kleinere Summen wie 5.000 Euro anzubieten. „Wer nicht mehr Geld anlegen möchte, wird entweder zum Selbstentscheider oder macht am Ende vielleicht gar nichts.“

Diskutierten über die Auswirkungen von MiFID II in der Praxis (v.l.): Desislava Marvakova (ARIVA.DE), Stefan Lipfert (BlackRock), Marco Fröse (Eckernförder Bank eG Volksbank-Raiffeisenbank), Kristijan Tomic (Vontobel) und Moderator Lars Brandau (Deutscher Derivate Verband). Foto: Vico, Kiel

 

Zu hoher Aufwand: Für vergleichsweise kleine Anlagebeträge lohne die Beratung nicht mehr

 

Mit einem Kunden noch über einzelne Titel aus DAX oder MDAX zu diskutieren, rechne sich für Banken schon lange nicht mehr, darin waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. Stattdessen würden Standardlösungen angeboten – ein Trend, der durch MiFID II weiter verstärkt werde. Der Margendruck innerhalb der Branche sei unvermindert hoch. „Wir müssen rechtfertigen, was bei unseren Produkten der Mehrwert ist“, sagte Tomic.

 

Dass Kunden, bevor sie sich vertraglich binden, jetzt explizit in Euro und Cent über die Kosten des Produktes und die Kosten der Wertpapierdienstleistung informiert werden müssen, sieht Marco Fröse von der Eckernförder Bank prinzipiell nicht als Problem an. „Wir können ja argumentieren, wie der Betrag zustande kommt“, sagte er. Diskussionen um den Geldbetrag gäbe es in der Praxis allerdings tatsächlich häufig. „Die Kunden sehen jetzt eine Zahl in den Unterlagen, und sie fragen nach, bevor sie ordern.“

 

Ob es dadurch nicht noch schwieriger werde, risikoaverse und konservative Privatanleger zu überzeugen, dass das Sparbuch keine gute Anlageform ist, wollte Moderator Lars Brandau wissen. Marco Fröse gab zu, dass noch immer viel Überzeugungsarbeit nötig ist, um manchem Kunden Aktien näher zu bringen. Zu bedenken sei aber auch, dass der Aktienmarkt in Deutschland zuletzt bereits seit langer Zeit sehr gut gelaufen ist. Könne man einen Kunden, der bislang gezögert hat, jetzt in dieses Marktniveau reinschicken? Könne der Kunde es verkraften, wenn die Kurve runter geht? Dies sei im Einzelfall genau abzuwägen. „Wir müssen auf jeden Fall deutlich machen, dass ein Kunde, der in Aktien investiert, einen langen Atem haben sollte“, sagte Marco Fröse.

 

Mit seinen Argumenten gab er Kristijan Tomic von Vontobel eine Steilvorlage. Vontobel ist in Deutschland auf dem Zertifikatemarkt aktiv und bietet hierzulande aktuell rund 150.000 derivative Wertpapiere an. Gerade in Seitwärtsphasen spreche vieles für strukturierte Produkte, mit denen man auch kurzfristig investieren und sein Depot diversifizieren könne. „Wir sehen uns als Profiteur“, sagte Tomic. Irgendwo müsse das Geld schließlich hin.

 

Margendruck laste auf Anbietern

 

Für BlackRock, die international agierende Fondsgesellschaft, die mit mehr als sechs Billionen US-Dollar gleichzeitig auch der größte unabhängige Vermögensverwalter der Welt ist, zähle Deutschland nach wie vor zu den Wachstumsmärkten in Europa, berichtete Vertriebsleiter Stefan Lipfert. Auch Lipfert rechnet mit weiter fallenden Margen. Nach seiner Beobachtung sind es vor allem indexnahe Fonds, die stark an Nachfrage verlieren. Zuwächse gäbe es dagegen im Low Cost-Bereich und auch bei gemanagten Produkten, sofern diese eine innovative Strategie verfolgen und sich mit ihrer Anlageidee deutlich von der Benchmark abheben.

 

Desislava Marvakova, Produktmanagerin Regulatory bei ARIVA.DE, verwies während der Diskussion darauf, dass seit einem halben Jahr nur solche Finanzinstrumente in den Vertrieb gelangen dürfen, die ein internes Produktgenehmigungsverfahren durchlaufen haben und für die darüber hinaus ein Zielmarkt bestimmt wurde. Diese sogenannte „Product Governance“ sei ein großes Thema bei MiFID II: Hersteller seien verpflichtet, den Zielmarkt eines Produktes präzise zu bestimmen. Diese Zielmarktbestimmung ersetze nicht die Geeignetheitsprüfung, die für jeden einzelnen Kunden individuell gelte, sondern sei dieser vorgeschaltet. Alles in allem erfordere Product Governance in der Praxis spezielle IT-Lösungen. Marvakova: „Unsere Software enthält zum Beispiel Plausibilitätsprüfungen, die sicherstellen, dass der Berater alle Anforderungen hinsichtlich des Zielmarktes einhält.“

 

„Was würden Sie sich in puncto Regulierung vom Gesetzgeber für die Zukunft wünschen?“ fragte Lars Brandau schließlich in die Runde. Die Antwort von Marco Fröse von der Eckernförder Bank kam prompt – und er sprach damit allen Teilnehmern der Diskussionsrunde aus dem Herzen: „Ich würde mir wünschen, dass der Gesetzgeber vielleicht mal wieder einen Schritt zurück rudert und mehr gesunden Menschenverstand einfließen lässt.“ Man dürfe schon fragen, ob der Regulierer tatsächlich mehr Anlegerschutz erreicht habe oder ob durch die Flut an Formularen und Vorschriften jetzt mehr Verwirrung da sei. „Soll ich einen Kunden, den ich seit Jahren betreue und der eine Aktie ordern will, wirklich jedes Mal fragen, ob er sich sicher ist, was er da tut?“

 

Nach der Regulierung drohe nun das Reporting

 

Das Thema Regulierung stand auch nach der Diskussionsrunde zunächst noch auf der Agenda des Sommerworkshops von ARIVA.DE. Arno Wilhelm von der schweizerischen Börse SIX machte in seinem Referat deutlich, dass es mit der Regulierung allein noch längst nicht getan ist. „Wie stellen wir denn fest, ob die neuen Regeln tatsächlich alle eingehalten werden?“, fragte er – und gab die Antwort gleich selbst: durch ein entsprechendes Berichtswesen. „Nach der Regulierung ist vor dem Reporting“, sagte Wilhelm. Er sei überzeugt, dass es als nächstes darum ginge, entsprechende Maßnahmen in den Workflows der Branche zu implementieren.

 

Am Nachmittag stand der Workshop dann unter dem Motto „Innovationen“. Professor Ulrich Schmidt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft und Marko Pusic, Produktmanager Data bei ARIVA.DE, stellten eine gemeinsam entwickelte Indexfamilie vor: die ARIVA RegioX-Indizes. Dabei handelt es sich um neun regionale deutsche Aktienindizes und einem breit aufgestellten Deutschlandindex. Die Indizes sind regelbasiert und folgen einer transparenten Methodik. Welche Besonderheiten in der Zusammensatzung bei den einzelnen Indizes zu beobachten sind, das erläuterte Richard Pfadenhauer von UniCredit. UniCredit hat als erster Emittent Zertifikate auf die neuen Indizes aufgelegt und ermöglicht Privatanlegern dadurch die Teilhabe an der Entwicklung der neuen Börsenbarometer.

 

Kristijan Tomic von Vontobel, der schon an der Podiumsdiskussion teilgenommen hatte, ging in seinem Vortrag auf den Hype um die Blockchain-Technologie ein, die das Zeug dazu habe, eine „Evolution zum Internet der Werte“ (so der Titel des Vortrags) voranzutreiben. An mehreren spannenden Beispielen machte Tomic deutlich, dass sich mit Hilfe der Blockchain-Technologie, die für viele Menschen heute noch abstrakt und wenig greifbar ist, in völlig unterschiedlichen Bereichen neue Anwendungen und Geschäftsmodelle entwickeln könnten. Die Situation heute bei der Blockchain sei vergleichbar mit der Anfangszeit des Internets. Konzerne wie Facebook hätten sich auch erst wesentlich später entwickelt – zu einer Zeit, als das Internetprotokoll als technische Voraussetzung lange bekannt war.

 

Um digitale Vermögensverwaltung ging es im letzten Beitrag des Workshops. Robert Bölke von ARIVA.DE gab einen Überblick über das Potenzial von sogenannten RoboAdvisern, die Vorteile, die sich durch digitale Techniken bei der Finanzanlage ergeben und den Status Quo bezüglich der Anbieter in Deutschland. Anschließend zeigten Vermögensverwalter Torben Bock (Kruse & Bock, Brunsbüttel) und Peter Reichel (BlackRock), wie man digitale Vermögensverwaltung auch mit aktiven Fonds kombinieren kann. Mit ihrem Ansatz wollen sie das Beste aus Robo-Advising und der traditionellen Vermögensverwaltung verbinden.

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