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Größere Berater-Abhängigkeit statt Aufklärung festgestellt: Finanzmarkt-Experten fordern auf dem Sommerworkshop von ARIVA.DE eine Änderung der Richtlinien zur Wertpapierberatung

Um den Anlegerschutz zu verbessern und die Transparenz auf Finanz- und Wertpapiermärkten zu erhöhen, hat die EU-Kommission die Regulierung auf dem Finanzsektor massiv verschärft. Seit rund eineinhalb Jahren sind die Finanzmarktrichtlinie MiFID II und die PRIIP-Verordnung inzwischen in Kraft, doch ist damit jetzt alles besser? Diese Frage diskutieren Experten auf dem diesjährigen Sommerworkshop von ARIVA.DE. Wissenschaftler stellten zuvor eine Studie zum Thema vor, die zu einer klaren Antwort kommt.

 

Dass eine Studie, die sich mit den Auswirkungen der ohnehin vielfach öffentlich kritisierten Finanzmarkt-Regulierung beschäftigt, nicht unbedingt eine Lobeshymne auf den Gesetzgeber anstimmt, dürfte niemanden überraschen – erst recht nicht, wenn diese Studie von der Deutschen Kreditwirtschaft in Auftrag gegeben wurde. In welcher Deutlichkeit die Autoren einer solchen Untersuchung aber zu dem Schluss kommen, dass Nachbesserungen dringend geboten seien, hat viele Branchenvertreter und Marktbeobachter, die der Einladung zum diesjährigen Sommerworkshop von ARIVA.DE gefolgt waren, dann doch überrascht.

 

Nicola Schröder und Dr. Simon Schumacher, die Tages zuvor ihre Ergebnisse noch vor der EU in Brüssel präsentiert haben, bezweifelten bei ihrem Vortrag in Kiel, dass der Gesetzgeber mit der seit Januar 2018 geltenden Finanzmarktrichtlinie MiFID II und der PRIIP-Verordnung das erreicht, was er erreichen will: mehr Transparenz auf dem Wertpapiermarkt, eine bessere Vergleichbarkeit von Finanzprodukten und damit insgesamt eine Stärkung des Verbraucherschutzes. „Wir haben festgestellt, dass wir es mit einer Informationsflut zu tun haben anstatt mit einer besseren Informiertheit auf Seiten der Verbraucher“, sagte Schumacher.

 

Viele Banken wollen Angebot im Bereich Aktien einschränken

 

Über einen Zeitraum von drei Monaten – von August bis Oktober 2018 – haben die Forscher am Lehrstuhl für Finanzierung und Kreditwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum mehr als 2.800 Bankkunden zu ihren Erfahrungen seit Einführung der neuen Regeln bei der Beratung zu Wertpapiergeschäften befragt. Vom Kleinanleger bis zum erfahrenen Trader mit hohem Depotvolumen, von jung bis alt sei alles dabei gewesen. „Wir haben den Kescher groß ausgeworfen über alle relevanten Gruppen.“ Parallel dazu gaben 153 Finanzinstitute in Fragebögen Auskunft über die Auswirkungen der Regulierung in ihrem Hause. Die Zielfrage, denen die Forscher nachgingen, war simpel: Ist der Nutzen der Regulierung so groß, dass er die Kosten rechtfertigt?

 

Studienautor Dr. Simon Schumacher / Blick über die Zuhörerschaft des Sommerworkshops / Studienautorin Nicola Schröder
Fotos: VICO Kiel

Die Einarbeitung in die neuen Richtlinien, die Umstellung und Erweiterung der IT-Systeme und die Schulung von Mitarbeitern haben bei den Banken oft zu hohen Ausgaben geführt. Im Schnitt lagen die Implementierungskosten bei den an der Studie teilnehmenden Instituten bei 3,7 Millionen Euro – ein Wert, der von der Größe der jeweiligen Bank abhängt und isoliert betrachtet schon auch deshalb wenig Aussagekraft besitzt, weil jedes zweite Institut angab, zum Inkrafttreten der neuen Richtlinie noch nicht „fully compliant“ gewesen zu sein.

 

Bemerkenswerter als die monetären Folgen seien die strategischen Anpassungen, die die befragten Finanzinstitute ergriffen haben, sagte Schumacher. Unter anderem hat mehr als die Hälfte der teilnehmenden Banken bei der Befragung angegeben, das Angebot im Bereich Aktien einzuschränken. Jedes vierte Institut will Wertpapierberatung sogar nur noch in ausgewählten Filialen anbieten. Diese Entwicklung sei im Hinblick auf die Angebotsvielfalt kritisch zu sehen, meinte Schumacher. Die stärkere Standardisierung durch die zahlreichen Pflicht-Formulare berge weiteren Disnutzen in Form von weniger Flexibilität und Individualität in der Beratung.

 

Beratungsgespräche dauern länger und sind weniger individuell

 

Und wie sieht es auf der Kundenseite aus? Zwei von drei Kunden gaben in der Befragung an, ihnen gehe angesichts der Flut an Dokumenten, die ihnen bei der Beratung und dem Kauf von Wertpapieren ausgehändigt werden müssen, der Überblick verloren. Drei Viertel der Befragten antworteten, dass ihnen die zusätzlichen Informationen nicht helfen, die mit dem Berater besprochenen Inhalte besser zu verstehen. Lediglich jeder dritte Kunde fühlte sich durch Regelungen, die zum Zeitpunkt der Befragung seit acht bis zehn Monaten in Kraft waren, besser aufgeklärt. Deutlich länger dauernde Beratungsgespräche und der erhöhte Aufwand bei einer Wertpapierorder wurden außerdem kritisiert.

 

Im Detail haben die Forscher Aussagen zu verschiedenen, vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Dokumenten und Maßnahmen eingeholt. Dabei zeigte sich: Auf viele Dokumente würde eine Mehrheit der Befragten verzichten, wenn sie die Wahl hätten. Die ablehnende Haltung gegenüber regulatorischen Dokumenten und Prozessen sei dabei tendenziell umso größer, je börsenaffiner und erfahrener der Kunde ist, berichtete Nicola Schröder. Besonders schlecht kommt der Studie zufolge die Sprachaufzeichnung (Taping) bei telefonischen Orders an. Nur rund jeder vierte Befragte sah darin einen Nutzen. „Hier zeigt sich, dass der Kunde den Nutzen der Beweissicherung nicht in den Vordergrund stellt, sondern vielmehr die Störung seiner Privatsphäre.“

 

Anlass zur Diskussion gaben auf dem Workshop auch die Ergebnisse der Studie darüber, wie die Verbraucher ihr Verhalten aufgrund der Regulierung ändern. Laut Befragung beabsichtigen 27 Prozent der Kunden eine Verringerung ihres Kapitalmarkt-Engagements und wollen als Reaktion auf die Informationsflut bei Derivaten, Anleihen, Aktien und Fonds auf unkompliziertere Anlageformen wie Tages- oder Festgeld ausweichen. Mehr noch: 13 Prozent der Befragten haben sich bei der Befragung sogar so unzufrieden gezeigt, dass sie sich vollständig von den Kapitalmärkten zurückziehen wollen. „Das ist sicher eine Zahl, die im Gedächtnis bleibt“, sagte Schröder. „Das läuft der politischen Zielsetzung zuwider, die Aktienkultur in Deutschland zu stärken.“

 

Co-Autor Simon Schumacher ergänzte noch eine weitere, bemerkenswerte Zahl. 73 Prozent der in der Studie befragten Kunden hätten angegeben, dass sie bei ihrer Anlageentscheidung vollständig auf ihren Berater vertrauen und weitere Informationen nicht benötigten. Damit laufe die Idee des Regulators ins Leere, dass Kunden mit Hilfe der zusätzlichen Informationen aufgeklärtere Entscheidungen treffen können. „Kunden fühlen sich offenbar so sehr überfordert von den ganzen Papieren, die sie erhalten, dass sie  sagen, mein Berater weiß schon, was gut ist. Wenn das so ist, ist die Zielsetzung der Kommission nicht erfüllt“, urteilte Schumacher.

 

Teilnehmer der Diskussionsrunde fordern Nachbesserungen

 

Die Untersuchungsergebnisse der Studie standen auch im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion auf dem Workshop. Für das Forscherteam nahm Nicola Schröder daran teil, weitere Teilnehmer waren Richard Bartsch, Abteilungsdirektor Wertpapiermanagement bei der Förde Sparkasse in Kiel, Tobias Kramer, Geschäftsführer der DZB Media GmbH und Herausgeber der Fachzeitschrift „Der Zertifikateberater“ sowie Matthias Hüppe, Head of Derivates Public Distribution bei HSBC. Carsten Gern von ARIVA.DE moderierte das Gespräch.

 

Podiumsdiskussion beim Sommerworkshop (v.l.): Matthias Hüppe (HSBC), Nicola Schröder (Ruhr-Universität Bochum), Richard Bartsch (Förde Sparkasse) und Tobias Kramer (DZB Media GmbH)
Fotos: VICO Kiel

Nicola Schröder wiederholte den Vorschlag, den die Studienautoren ihren Angaben zufolge tags zuvor auch Vertretern der EU unterbreitet hatten. Sie schlagen vor, dass der Regulator die bestehenden Richtlinien noch einmal umgestaltet und den Finanzinstituten die Möglichkeit einräumt, je nach Erfahrungsgrad des Kunden zu differenzieren, ob der Kunde die Information erhalten muss oder nicht. „Es ist ganz wichtig, die Balance zu finden zwischen der Schutzfunktion der Regulierung und einer Bevormundung. Die meisten Kunden fühlen sich bei der aktuellen Ausgestaltung bevormundet, obwohl es eine Regulierung ist, die dem Verbraucherschutz dienen soll“, sagte Schröder.

 

Zustimmung bekam sie von Richard Bartsch von der Förde Sparkasse. „Einem Kunden, der sich schon stundenlang im Internet informiert hat, muss ich nicht nochmal zahlreiche Dokumente in die Hand drücken“, sagte Bartsch. Das könne man gern so regeln, dass es im Einvernehmen mit dem Kunden geschehe. Außerdem sprach sich Bartsch für die sofortige Abschaffung der Gesprächsaufzeichnung aus. „Wir haben festgestellt, dass Beratungsgespräche am Telefon anders verlaufen als früher“, erzählte er. Die Gespräche würden durch die Aufzeichnung sehr viel formeller geführt und die gute Kundenbeziehung gehe dadurch zum Teil verloren.

 

Marktexperte Tobias Kramer sprach von „Dokumentationswahn“, der dazu führe, dass Beratungsgespräche heute – inklusive Vor- und Nachbereitung – sehr viel länger dauerten. „Das ist ein ganz großes Problem, weil es die Stückkosten von Wertpapierorders nach oben treibt.“ In diesem Zusammenhang erwähnte er den Vorschlag einiger Verbraucherschützer, im Wertpapiergeschäft komplett auf Honorarberatung umzustellen. Das sei zwar interessant, in der Praxis aber möglicherweise nicht durchzusetzen.

 

Einen anderen Aspekt stellte Matthias Hüppe von HSBC heraus. Er verwies auf den Trend, dass manche Vertriebsstrukturen nur noch Produkte aus dem eigenen Hause verkaufen. Es würden zum Teil IT-Strukturen aufgebaut, die Drittbanken und Drittemittenten ausschlössen, worunter die Produktqualität leide. „Das ist eine Entwicklung, die die MiFID eigentlich genau nicht wollte“, sagte Hüppe.

 

Die Sorge, dass von der Regulierung am Ende besonders jene Verbraucher negativ betroffen seien, die sich gerade erst an den Kapitalmarkt heranwagen, teilte Hüppe mit den anderen Diskussionsteilnehmern. „Diese Leute werden davon wieder ganz stark abgeschreckt.“

 

Der Spaß werde noch einmal komplizierter, wenn ab dem 21. Juli ein neues Wertpapierprospekt-Recht gelte, sagte er. Und Matthias Hüppe hatte noch eine Zahl in petto, mit der er auf ein Grundproblem der Regulierung aufmerksam machte. Er habe den Prospekt für ein Bonuszertifikat mal unter einem besonderen Aspekt durchgeschaut, erzählte er. Zweimal komme das Wort „Chancen“ darin vor, aber 174 mal das Wort „Risiken“. Hüppe: „Wer sich das wirklich durchliest, lässt am Ende die Finger von dem Wertpapier.“

 

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